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Anatomie eines Wespennests

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#1 Anatomie eines Wespennests

Beitrag von AmeisenforumArchiv » 21. Mai 2004, 15:18

Auch wenn es erst ganz am Ende mit Ameisen zu tun hat, stelle ich diesen Bericht mal hier ins "Wissenswerte". Ich denke, dass er für manchen noch was Neues bringt.

Anatomie eines Wespennests( lat./griech. „das Aufschneiden“)

Alljährlich im Frühjahr habe ich das Problem: Wespenköniginnen gründen ihre Kolonien in meinem Gartenhäuschen. Manchmal sind es nur 3-4, aber es waren auch schon mal über 35!
Jetzt, im April/Mai 2004, haben es wieder einige versucht.
Leider muss ich sie beseitigen, es wäre zu gefährlich, wenn die Enkelinnen zu Besuch kommen...
Umsiedeln geht nicht: Ich habe kein weiteres, unbenutztes Gartenhaus, und die Nachbarn wollen sie auch nicht haben. So musste ich wieder einmal zur Untat schreiten. Ich entschloss mich, wenigstens ein paar lehrreiche Bilder davon zu machen.

Ein Nest, am Balken unter der Decke, beobachtete ich schon seit einigen Wochen. So lange die Königin allein war, hat es mich nicht gestört. Jetzt aber waren die ersten Arbeiterinnen geschlüpft.
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Das Bild zeigt das Nest am 20.05.04, die Königin fühlte sich gestört und kam kurz heraus. Die Reißzwecke links vom Nest dient als Größenvergleich.
Die Königin und eine Arbeiterin (rechtes Bild) wurden abgefangen, zur Bestimmung: Es ist Dolichovespula saxonica, die „Sächsische Wespe“.

Das Nest wurde mit dem Messer vorsichtig abgetrennt Die halbkreisförmigen Reste zeigen, wo die 3 Nesthüllen am Balken befestigt waren. Die eigentliche Wabe hing an einem Stielchen in der Mitte herab, das Stielchen war an der Balkenkante befestigt.
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Mit der Schere wurden von den Hüllen kreisförmige Teile abgeschnitten.
Im rechten Bild sind die noch ineinender steckenden Hüllen, deren abgetrennte Unterteile mit dem Flugloch, die bisher noch einzige Wabe und das Dach mit der breiten Anheftungsstelle zu erkennen.

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Vergrößert zeigt sich, dass die Wabe in der Mitte drei Zellen ohne Deckel umfasst: Es sind die drei ersten Zellen, aus denen zwei Arbeiterinnen gerade geschlüpft sind, die dritte steckt noch drin und putzt, wenig beeindruckt, ihre „Puppenwiege“. Um sie herum sind 12 Zellen mit weißen Gespinstdeckeln angeordnet. Sie enthalten Arbeiterinnenpuppen in verschiedenem Entwicklungszustand, sicher einige davon bereit, in den nächsten Tagen zu schlüpfen.
Weiter außen erkennt man dicke, fast zur Verpuppung reife Larven. Die meisten kehren den Rücken nach außen, was an dem schmalen, grauen Streifen zu erkennen ist: Das Dorsalgefäß oder Herz der Larve!
Noch weiter außen (rechtes Bild) sind nicht fertig gestellte, kürzere Zellen zu sehen, in denen aber auch bereits kleine Larven heranwachsen, ganz außen befinden sich kleine Zellenanlagen mit Eiern, in vier Zellen rechts vorn sind diese zu erkennen.

Bild Bild
Bild links: Der obere Bereich der Nesthülle, in der Mitte das Stielchen, an dem die Wabe abgetrennt wurde (dunkles Ende des Stielchens).
Bild rechts: Das „Dach“ der Wabe, in der Mitte ist der Ansatz des Stielchens zu sehen.

Bild
Die Wabe wurde etwas außerhalb der Mitte durchgeschnitten. Man sieht im Zentrum ein Ei: Sofort nach dem Schlüpfen der ersten Arbeiterinnen hat die Königin die leer gewordene Zelle wieder bestiftet. Anders als bei den peripheren, neuen Zellen, ist das Ei hier nicht am Boden, sondern an der Zellenwand befestigt. Davor liegen zwei aus den Zellen genommene, verpuppungsreife Larven. Links und rechts in den angeschnittenen Zellen zwei noch ungefärbte Puppen, die braunen Flecken oben markieren die sich langsam färbenden Augen.

Bild Bild
Neben der Gartenhütte, unter ein paar Betonplatten, nistet Myrmica rubra. Sie liefen eifrig suchend umher, und so wollte ich mal sehen, ob sie zu ein paar Wespenlarven hin rekrutieren würden. Eiweißbedarf sollten sie haben, denn in ihren Nestern wachsen Massen von überwinterten Larven heran.
Mit der Rekrutierung war’s allerdings nicht weit her: Lange Zeit bemühten sich drei Arbeiterinnen, jeweils eine der Larven allein Richtung Nest zu schleppen. Erst nach gut einer Stunde, ich hatte die Larven inzwischen angeschnitten, so dass sie dank ihres Inhalts festgeklebt waren, hatte sich eine kleine Gruppe von Myrmica -Arbeiterinnen eingefunden. Sie zerkleinerten die Larve bzw. leckten den flüssigen Inhalt auf.

So fanden die Wespenlarven dann doch noch eine „biologische“ Verwendung, und ich hatte ein etwas leichteres Gewissen.

Das zumindest für Nicht-Fachleute Erstaunlichste dürfte ja die Tatsache sein, dass ALLES, was oben in den Bildern von dem Wespennest gezeigt wird, das „Werk“ der einen, einzigen Königin ist: Bau der Nesthüllen und der Wabe, Eier legen, massenhaft Futter beischleppen (tierische Beute!), die Larven reihum füttern .... Die ersten helfenden Arbeiterinnen waren ja sichtlich soeben erst geschlüpft, konnten noch nichts zu dem Werk beigetragen haben.
Wenn man das mit einer etwa ebenso großen Camponotus-Königin vergleicht, so fällt diese doch stark ab: Sich eingraben, gerade mal 3-5 Arbeiterinnen und ein paar Larven aufziehen, das war’s schon. Und dann braucht sie auch noch zwei Jahre dafür statt der 6 Wochen unserer Wespenkönigin. Und auch die Ameisenarten, die nicht klaustral ihre Kolonien gründen, sondern so wie die Wespenkönigin Futter von außen beischaffen müssen, sind keinesfalls schneller oder effektiver.

A. Buschinger

PS zum Schluss: Die Vatertags-Fotosafari im Garten brachte noch viele schöne "Abschüsse". Einen davon möchte ich Euch nicht vorenthalten: Den "Odenwälder Kolibri" (Diptera, Bombyliidae). Diese "Wollschweber" schießen ihre Eier in die Bauten solitärer Wespen und Bienen. Zur Tarnung sind sie bei manchen Arten mit Sand beklebt, und diesen sammelt das Weibchen zuvor in einem Borstenkranz am Hinterende.
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#2 RE: Anatomie eines Wespennests

Beitrag von Hornisse » 21. Mai 2004, 21:46

Original von A. Buschinger
Leider muss ich sie beseitigen, es wäre zu gefährlich, wenn die Enkelinnen zu Besuch kommen...


Nicht das hier ein falscher Eindruck über deren "Gefährlichkeit" entsteht, die sächsische Wespe (Dolichovespula saxonica) ist eine der harmlosesten und ungemein wenig agressiven sozialen Faltenwespen, sie wird dem Menschen in der Regel nicht lästig.

Hier die wichtigsten FAQs, Quelle (http://www.aculeata.net/Nest-am-Fenster-2003/D__saxonica/d__saxonica.html) :

Wie erkenne ich die Nester der Sächsischen Wespe?

Langkopfwespen bauen meist freihängende Nester. Finden wir ein Nest in einer Mauer oder unterirdisch, ist es wahrscheinlich kein Nest einer Langkopfwespe. Die Sächsische Wespe baut oft ihr Nest im Siedlungsbereich. Meist hängen die Nester in Scheunen oder unter Dachvorsprüngen, oft aber auch in Vogelnistkästen. Die Nester haben meist die Form einer Erdbeere, grau, bis fußballgroß und weisen an der Unterseite eine Öffnung auf. Die Oberfläche ist glatt. Meist beinhalten die Nester 3-6 Waben. Das Baumaterial sammeln die Sächsischen Wespe vor allem an verwitterem Holz von alten Brettern oder Zäunen.

Wieviele Tiere leben in einem Nest?

Verglichen mit Kurzkopfwespen haben Langkopfwespen eher geringe Volksstärken. Bei der Sächsischen Wespe werden meist nur bis zu 200 Tieren gleichzeitig erreicht. Kurzkopfwespen erreichen mehrere Tausend!

Wie lange leben die Wespen?

Die Königin gründet im Frühjahr (etwa April bis Mai) ein Nest. Anfangs ist sie alleine, baut das Nest also auch alleine. Bald schlüpfen ihre ersten Arbeiterinnen. Diese erledigen dann die meiste Arbeit, so dass sich die Königin vor allem dem Eierlegen widmen kann. Ab Juli schlüpfen dann die ersten Jungköniginnen und Drohnen. Im August erlischt meist bereits das Leben im Nest, auch die alte Königin stirbt. Ihre Töchter gründen dann im kommenden Jahr neue Nester.

Ist die Sächsische Wespe gefährlich?

Diese Art ist besonders friedlich und sticht nur in allergrößter Bedrohung. Zudem werden diese Wespen nicht lästig, da ihre Volksstärken gering bleiben, die Nester bereits im Sommer zugrunde gehen und die Wespen kaum an süßen Sachen lästig werden.
Wer ein Nest der Sächsischen Wespe in seiner Umgebung findet, braucht sich also keine Sorgen zu machen und sollte das Nest in der kurzen Lebensphase der Wespen tolerieren.

Sehr viel findet man hier auf der Seite von Christoph Kornmilch, der Nester direkt am Fenster dokumentierte: http://www.aculeata.net/Nest-am-Fenster-2003/

Gruß
Dieter Kosmeier
Gruß
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#3 Von: A. Buschinger - Alles klar!

Beitrag von AmeisenforumArchiv » 22. Mai 2004, 09:58

Lieber Herr Kosmeier,

Vielen Dank für die zusätzlichen Informationen. Ich kannte sie natürlich. Aber Sie kennen ebenso natürlich die oft panischen Reaktionen anderer Menschen auf "Wespen".
Kinder, und oft auch deren Eltern, muss man langsam daran gewöhnen, dass nicht alles, was gelb-schwarz gestreift ist, gleich gefährlich ist. Ich mag Wespen sehr gerne, und die Hornissen, die bei mir im Garten herum schwirren (zum Glück nicht im Gartenhäuschen nisten!) liebe ich ganz besonders.
Mehrfach habe ich bereits Wespen- und Hornissenkästen aufgehängt, leider mit wenig Erfolg, das Häuschen ist halt "schöner".
Und dass die Sächsische Wespe friedlich ist, kann ich nur bestätigen. Letztes Jahr flogen sie schon zahlreich hinten unter dem Häuschen hervor. Störten kaum, und ich nahm an, dass sie ihr Nest unter dessen Boden hätten.
Dann wollte ich einen Hocker aus dem Häuschen tragen, und griff darunter in etwas Weiches: Das Nest der Wespen!
Nicht von einer einzigen wurde ich gestochen.
Ich fühle mich ja dem Schutz der Natur verbunden (bin in der DASW aktiv). Nur leider muss man manchmal Kompromisse schließen.

Viele Grüße,
Ihr A. Buschinger

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#4 RE: Alles klar!

Beitrag von Hornisse » 23. Mai 2004, 10:54

Hallo Herr Buschinger,

vielen Dank für Ihre Ergänzungen zu Ihrem ersten Beitrag.

Gruß
Dieter Kosmeier
Gruß
Dieter Kosmeier

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#5 Von: A. Buschinger - Hornissen - ein Nachtrag

Beitrag von AmeisenforumArchiv » 27. Mai 2004, 10:44

Gestern, 26.Mai 2004, hatte ich auf meinem Wochenend-Grundstück mal wieder königlichen Besuch. Die Grande Dame nagte Holz ab für den Nestbau (1. Bild).
Im 2. Bild ist der Baumstubben zu sehen. Ziemlich weit oben links erkennt man die etwa hühnereigroße und ebenso gestaltete Vertiefung, die sie in den letzten Tagen schon ausgeräumt hat.
Bild Bild
Hornissen haben wir auf dem Obstbaum-Grundstück seit wir es 1990 gekauft hatten. Auffällig war, dass im zeitigen Frühjahr manchmel 2 oder 3 Königinnen flogen, später war es immer nur eine. Nach dem kürzlich gezeigten Hornissenfilm ist klar, dass wohl höchst undamenhafte Revierkämpfe die Ursache sind. Ein Nest habe ich auf unserem Grundstück noch nie gesehen. Aber in der Umgebung sind hohle Bäume und aufgelassene Hütten, so dass sie wohl dort irgendwo nisten. Ob es sich um eine Dynastie handelt, jedes Jahr eine Tochter der Vorjahres-Königin? Dann müsste ich dieser Dame den Namen "Königliche Hoheit, Hornissa die 15. von Vespanien" verleihen (mindestens; die 1. meiner Zählung wäre die von 1990 gewesen).

Die Bilder haben insofern dokumentarische Bedeutung, als ich sagen kann, wie lange der Baumstumpf bereits vor sich hin modert, wie "alt" also das Totholz sein kann, das zum Nestbau geeignet ist. Es handelt sich um eine Lärche, die vom Vorbesitzer 1989 gefällt worden war. Die Königinnen anderer Jahre habe ich allerdings auch an "jüngerem" Totholz arbeiten sehen, das vielleicht 8-10 Jahre gemodert hatte. Ähnlich hohe Stümpfe von gefällten oder abgestorbenen Bäumen habe ich mehrere auf dem Grundstück, als Nistplatz für zahlreiche Insekten (darunter auch die Ameisen Leptothorax acervorum, L. muscorum, und Lasius brunneus, wobei ich letztere aus meinem Gartenhäuschen habe verbannen müssen). Im Hintergrund ist einer der großen Rhododendron-Büsche zu erkennen, die ich ursprünglich als unerwünschte "Exoten" roden wollte. Als Nahrungspflanzen für mindestens fünf selbständige Hummelarten plus zwei ihrer Sozialparasiten (Psithyrus sp.) haben sie aber dann doch eine Aufenthaltserlaubnis bekommen. Anders als in England verbreiten sie sich bei uns ja auch nicht als invasive Neophyten in den Wäldern.

@ Hornisse (D. Kosmeier): Falls Sie die Bilder und/oder den Altersnachweis des Stubbens irgendwie verwenden möchten, haben Sie freie Hand!

Viele Grüße,
A. Buschinger

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#6 RE: Hornissen - ein Nachtrag

Beitrag von Hornisse » 27. Mai 2004, 20:34

Hallo Herr Buschinger,

Ihre Story wirklich sehr interessant für jeden Hornissenfreund!!
Darf ich Sie bitten, den Beitrag auch in unserem Forum: http://www.forumromanum.de/member/forum/forum.cgi?USER=user_8647 nebst den Bildern zu veröffentlichen?

Wir haben sehr viele Hornissenschützer zu Besuch, für dier Ihr Beitrag sicherlich lesenswert ist.
Gerne dürfen Sie bei der Gelegenheit auch auf dieses interessante Forum http://www.ameisenforum.de hinweisen, das für viele Hymenopterafreunde sehr lesenswert ist.

Gruß
Dieter Kosmeier
Gruß
Dieter Kosmeier

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