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Mögliche Unterscheidung Lasius brunneus-L. emarginatus

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Boro
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#1 Mögliche Unterscheidung Lasius brunneus-L. emarginatus

Beitrag von Boro » 2. August 2012, 16:53

In diesem Jahr haben sich die Berichte über Hausameisen gehäuft, dabei ging es auch um die Bestimmung der Art. Als "Hausameisen", die in Häusern/Wohnungen ihre Nester haben, kommen oft Lasius brunneus und L. emarginatus in Frage. Es ergibt sich aber stets die gleiche Fragen: Wie kann ich die beiden Arten auseinanderhalten.
Ich will hier versuchen, auf beide Arten näher einzugehen und die Unterschiede verständlich darzustellen.
I. Habitat u. Ernährung in der Natur
Die beiden Arten zählen zu Lasius s. str. (im engeren Sinn) und sind die einzigen deutlich zweifärbigen Lasius-Arten. Genau das ist aber der Grund, warum man diese Arten schwer unterscheiden kann.
L. brunneus ist eine arboricole Art, d. h. ihre Nester befinden sich im Bereich alter Bäume (vor allem Eichen, Nussbäume) vom Wurzelbereich in Stammnähe bis in größere Höhen d. Stammes selbst. Die Art ernährt sich vorwiegend trophobiotisch, also in einer Wechselbeziehung zu Blatt- u. Rindenläusen, die meist direkt am "Wohnbaum" genutzt werden.
L. emarginatus gilt als "Felsenameise", d. h. als Primärhabitat gelten felsiges Gelände, Steinhaufen, Trockenmauern, altes Gemäuer, Ruinen, auch Ritzen in neueren Gebäuden des urbanen Bereichs. Neben der Nutzung von Läusekolonien (Tropophiose) und dem Blütenbesuch (nektarivore Ernährung) furagiert die Art auch weitflächig an der Oberfläche und ernährt sich zoophag (v. Insekten).

II. Auch im Verhalten ergeben sich deutliche Unterschiede der Arten:
L. brunneus benützt sichere Laufwege, etwa in den Ritzen der Borke alter Bäume. Im unteren Stammbereich werden die Laufwege mitunter zusätzlich durch eine Überdachung aus Erdmaterial gesichert. Bei einer Störung erweisen sich die Ameisen als fluchtbereit.
L. emarginatus gilt als aggressiv und steht in der Dominanzhierarchie der heimischen Arten weit oben. Sie besetzt und verteidigt Dauernahrungsplätze (z. B. Läusekolonien) und reagiert bei Gefahr aggressiv, d. h. auch einzelne Tiere stürzen sich auf den (vermeintlichen) Feind. Außerdem rekrutieren sie sehr rasch und rücken mit großen "Truppenkontingenten" zur Verteidigung ihrer "Rechte" oder zur Abwehr eines Feindes an.

III. Äußere Form (Morphologie), Färbung
Nach KUTTER und STITZ sind beide Arten etwa gleich groß, in der Regel zw. 3 mm und 4 mm. Subjektiv gewinne ich im Vergleich meiner Hausbewohner (L. emarginatus) zu L. brunneus an diversen Bäumen den Eindruck, dass L. emarginatus durchschnittlich etwas größer ist.
Die Färbung sieht bei beiden Arten folgendermaßen aus [Kopf-Thorax-Gaster]:
L. brunneus: braunrot/kupferfarben - gelb/ocker - dunkelbraun
L. emarginatus: dunkelbraun - rötlich/rot - dunkelbraun
Obwohl die Morphologie beider Arten sehr ähnlich ist, ergibt sich doch ein bemerkenswerter Unterschied: Der Kopf v. L. brunneus ist eine Spur breiter u. kürzer als jener v. L. emarginatus (bei einem Verlgleich gleich großer Individuen).

IV. Beide Arten als Hausameisen:
Geografische Schwerpunkte:
In Westdeutschland bleibt L. brunneus die Hausameise schlechthin. Im Osten tritt bereits L. emarginatus an ihre Stelle. die nördliche Verbreitungsgrenze für L. emarginatus liegt (noch) bei 52,5° N (SEIFERT, S. 276). Im Süden Deutschlands (der Schweiz ??) und vor allem in Österreich gilt L. emarginatus als die häufige Hausameise.
Befall von Gebäude(teilen):
L. brunneus bevorzugt gemäß ihrer urspr. Herkunft alle Holzbestandteile, wie Dachgebälk, Teile v. Fachwerkhäusern, Fußböden (Blindböden), Holzdecken, ältere Fensterstöcke, Sesselleisten etc.
L. emarginatus wohnt eher in altem Gemäuer, Mauerritzen, zwischen Mauer und Vollwärmeschutz, zieht aber auch in ältere (morsche) Holzbestandteile ein (z. B. alte Fensterstöcke).
Die Art schwärmt vor Einbruch der Dämmerung auch teilweise in das Innere von Räumen, wobei das Auftreten zahlloser geflügelter Geschlechtstiere bei vielen Leuten Entsetzen auslöst. Wenn man das Licht im Raum abschaltet, die Fenster abends öffnet, dann ist der Spuk nach wenigen Tagen vorbei. An sich sind diese Ameisen harmlos (verbreiten also keine Krankheiten usw.).
Prinzipiell gilt: Wenn die Ameisen im Hausinneren keinerlei Nahrung finden (dazu gehört ggf. auch Katzen/Hundefutter), werden sie bald nach außen furagieren.
1. L. emarginatus. Man erkennt, dass Kopf u. Gaster etwa gleich dunkel(braun) wirken. Der Thorax ist rötlich, zusätzlich mit dunklen Pigmenten am Rücken diffus angehaucht.
Bild

2. L. brunneus in Seitenansicht: Die Bilder der Art sind nicht besonders geworden, am PC stellte sich heraus, dass vor allem die bunte Borke des Nussbaumes wenig Unterschied zur Färbung d. Ameisen bewirkt. Kopf und Gaster dunkel(braun), Thorax gelblich/ockerfarben.
Bild

3. Gemessen an der Gesamtkörperlänge ist die Kopfbreite bei L. emarginatus etwas geringer. Somit entsteht - im Gegensatz zu L. brunneus - ein etwas "gestreckter" Habitus.
Bild

4. Gruppenbild v. L. brunneus: Der etwas "gestauchte" Eindruck dieser Art. Deutlich sichtbar ist der relativ breite Kopf mit braun-roter Färbung.
Bild



antic
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#2 AW: Mögliche Unterscheidung Lasius brunneus-L. emarginatus

Beitrag von antic » 2. August 2012, 21:21

Danke für die anschauliche Bestimmungshilfe!
LG
Volker



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nethead
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#3 AW: Mögliche Unterscheidung Lasius brunneus-L. emarginatus

Beitrag von nethead » 2. August 2012, 22:11

Hallo Boro,

sehr interessante Infos. Bei uns (Südosten Deutschlands) ist Lasius emarginatus sehr häufig. Wobei mir aufgefallen ist, daß ungewöhnlich große Individuen bei einer alten Kolonie im Gemäuer meines Elternhauses existieren. Diese sind teilweise ein Drittel grösser als normale Arbeiterinnen (keine Pygmäen).

Ich bin heuer im März in ein neu gebautes Haus umgezogen und es hat wohl eine Kolonie geschafft vor mir in das Haus einzuziehen. Ich verstehe immer noch nicht ganz wie die relativ große Kolonie bei der heutigen Bauweise mit 3facher Verglasung und RAL Verarbeitungsrichtlinien reingekommen ist, aber sie haust irgendwo in den Türstöcken und ist nicht wegzukriegen.
Dabei lassen sie jegliches Ameisengift unberührt und sind sofort zur Stelle sobald der Abfalleimer etwas Fressbares aufweist.

Ich machte mir teilweise schon Sorgen um meine eigenen Ameisenkolonien.

Kann es sein, daß die brunneus auch etwas heller sind?
Aber ich bin ehrlich gesagt kein "Ameisenbestimmexperte" :)

Schönen Gruß
nethead


Niemandes Herr, Niemandes Knecht

Imago
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#4 AW: Mögliche Unterscheidung Lasius brunneus-L. emarginatus

Beitrag von Imago » 2. August 2012, 22:40

Hallo!


http://antclub.org/files/Systematic_lasius_emarginatus_vs_brunneus.jpg

Quelle:
April Nobile, Antweb; Lizenz: CC-BY-SA: Lasius emarginatus - Lasius brunneuszusammengeschnitten.


III. Äußere Form (Morphologie), Färbung
Obwohl die Morphologie beider Arten sehr ähnlich ist, ergibt sich doch ein bemerkenswerter Unterschied: Der Kopf v. L. brunneus ist eine Spur breiter u. kürzer als jener v. L. emarginatus (bei einem Verlgleich gleich großer Individuen).



Richtig oben auf dem Fotovergleich kann man das noch einmal sehr gut erkennen, der Kopf von Lasius brunneus läuft auch Richtung Mandiblen spitzer zu und weist somit eine Art Dreiecksform auf. Außerdem ist der Scapus bei Lasius emarginatus länger und schmaler. Der Scapus von Lasius brunneus verbreitert sich zudem auffällig Richtung Funiculus bei Lasius brunneus. Selbst die Funiculus sind bei Lasius brunneus "wesentlich" breiter, kräftiger, gedrungener.

Die Scapuslänge ist gerade bei einer Bestimmung an Hand von Fotomaterial ein wichtiges Merkmal die, die Arten ebenfalls voneinander unterscheidet. Selbst eigentlich ungenügendes Fotomaterial wird aufgrund dieser Merkmale wieder interessant, da ein geschultes Auge relativ einfach erkennen kann, aufgrund der Kopflänge im Vergleich zu dem Scapus welche Art man ausschließen, beziehungsweise bestimmen kann. In Verbindung mit dem sich in Richtung Caput deutlich verjüngenden Scapus bei Lasius brunneus, liegen somit zwei Bestimmungsmerkmale bei einem Körperteil beider Arten vor. Meiner Meinung nach beides wichtige Bestimmungsmerkmale die sich auf Fototmaterial erstaunlich gut erkennen lassen und vorteilshalber nichts mit der doch sehr ähnlichen Pigmentierung der Arbeiterinnen beider Arten zu tun haben.

Toller Beitrag Boro, viele Merkmale kompakt auf einen Punkt gebracht!

LG Imago



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Boro
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#5 AW: Mögliche Unterscheidung Lasius brunneus-L. emarginatus

Beitrag von Boro » 3. August 2012, 11:56

Hallo nethead!
Ja, das stimmt, L. brunneus wirkt insgesamt etwas heller, wobei die gelbliche Färbung des Thorax in den Fotos deutlicher u. betonter zum Ausdruck kommt als in der Natur. Sowohl Sony, noch mehr Canon, neigen dazu, gewisse Farben zu verstärken, obwohl ich nie einen Filter verwendet habe u. meine Bilder nie bearbeitet werden (außer meistens einer leichten Aufhellung !)
Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass L. brunneus in der Natur an so einer alten Borke eine gute Tarnung besitzt. Das Mesosoma wirkt eindeutig gelblich bis schmutzig-gelb, kaum jemals dunkelgelb wie auf den Fotos.
Bei L. emarginatus kommt der Rotton des Thorax auch keineswegs immer so deutlich zum Ausdruck.
Wer beide Arten wiederholt in der Natur beobachtet hat, kann die Arten nicht verwechseln. Dazu ist auch ihr Verhalten - wie oben angedeutet - zu unterschiedlich. Aber der Hausameisen-Geschädigte sieht die Tiere (meist ohne einschlägige Erfahrung) das erste Mal und ist mehr od. weniger verzweifelt. Und trotzdem ist es nicht uninteressant zu wissen, um welche Art es sich hier handelt. Schließlich ist der Mensch neugierig und das ist gut so....
Hallo Imago!
Danke für das Posten der Bilder, sie zeigen exakt das (hier viel besser), was ich (mit Hilfe meiner Lupe) zu beschreiben versuchte: L. brunneus hat bei gleich großen Exemplaren einen breiteren u. etwas kürzeren Kopf. Sogar die Farbbeschreibung an diesem ausgebleichten Belegen passt noch: Der Kopf v. L. emarginatus ist stets dunkel gefärbt (vergleichbar mit der Gaster), wd. L. brunneus den etwas helleren braun-roten Kopf besitzt, der immer heller ist als die Gaster. Der breitere Kopf lässt den Habitus dieser Art im Vergleich zu L. emarginatus etwas weniger "schlank" od. "gestreckt" erscheinen.
L.G.Boro



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