cooles Foto. Die Ameisengrillen sind schon spannende Myrmecophile. Sie sind Kleptoparasiten, was bedeutet, dass sie von den Nahrungsresourcen der Wirte mitnaschen, entweder durch direktes Futtern an beispielweise einem Beuteobjekt, oder durch Trophollaxis (die Ameise würgt Futter hoch und die Grille schnappt sich dieses). Außerdem sind sie zumeist nicht an eine spezielle Wirtsameise gebunden. Wenn jemand von euch ein paar Alkoholpräperate von M. acervorum hätte würde ich sie mir gerne mal anschauen.
Ich habe gerade einen alten Artikel von Karl Hölldobler aus dem Jahre 1953 gefunden: „Gibt es in Deutschland Ameisengäste, die echte Täuscher sind?“. Schon der erste Satz animiert einem zum Weiterlesen: „Beim Studium der sozialen Insektenstaaten, besonders der Ameisenstaaten, hat die Biologie der sog. Gäste dieser Staaten einen besonderen Reiz.“ Er spricht mir aus dem Herz. Dieser alte Text war nicht nur spannend zu lesen, da er von Ameisengästen handelt, sondern vor allem auch, da er so gar nicht dem entspricht, was man heute in wissenschaftlichen Artikeln lesen kann. So beschreibt Karl Hölldobler beispielsweise das Benehmen der Ameisengrille, welche dem Tastsinn der Ameise auf folgende Weise täuscht:
„Nehmen wir an, wir würden in dunklen lichtlosen Räumen leben und uns vor allem durch den Tastsinn der Hände orientieren. Unter vielen Hunderten von uns würde nun ein Wesen leben, das zwar ganz anders gestaltet ist als wir, aber Hände wie Menschenhände hat und es verstehen würde, sich nach unserer Art zu benehmen und Berührungen so geschickt einzurichten, dass wir immer nur seine menschenartigen Hände zu fühlen bekämen. Das Wesen müßte uns als Mensch erscheinen bis es einen Fehler in der Nachahmung beginge oder sonstige Zufälle uns darauf führen würden, dass ein fremdes Wesen unter uns ist.“
Weiter vorne steht auch „Das genaue Abgetastetwerden durch die Ameise verhindert die Grille durch ihr äußerst rasches Reaktionsvermögen und die große Gewandheit“. Das gleiche konnten wir bei myrmecophilen Grillen in Malaysia beobachten (Spezies unbekannt; Alkohlpräperate vorhanden). Diese lebten in einer Superkolonie der invasiven crazy ant Anoplolepis gracilipes (unserem ständigen Begleiter in der Küche).
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Anoplolepis gracilipes mit Queen und in meiner leckeren Teh Tarik Tasse
Ich setzte 2 Exemplare in ein Labornest der Treiberameise Leptogenys distinguenda, und obzwar wir diese Grille nie als natürliche Gäste der Ameisen fanden, überlebten beide Individuen über Tage hinweg sehr gut in unserer kleinen Nestbox, die etwa 150 Ameisen enthielt. Die Grillen waren einfach zu schnell, selbst für die schnellen und guten Jäger der Treiberkolonie. Ihre langen Antennen schienen wie Fernpeilsender zu funktionieren, es kam nahezu nie zu einem wirklichen Kontakt zu den Ameisen.
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Irgendwie müssen sie aber ab und an Kontakt bekommen haben, denn ich habe die Grillen extrahiert und chemisch analysiert (GCMS) und fand heraus, dass sie das chemische Profil ihrer Wirtsameisen übernommen haben. Hölldobler weist in seinem Artikel auch schon darauf hin, dass sich die Grille erst dem Nestgeruch anpassen muss.
Ich fand diesen Artikel irgendwie interessant zu lesen.
Ich fand den Hölldobler Text zumindest sehr anschaulich geschrieben und irgendwie auch erfrischend von der Seele weg ohne Teststatistiken, auch mal schön [font=Wingdings]J[/font].
Habe auch mal einen Link zu einer Seite mit Myrmecophilenliteratur unten angehängt. Außerdem habe ich einen Link angehängt, der eine kurzen Film unserer Arbeit an der LMU zeigt. Habe ja weiter oben bereits schon mal kurz beschrieben, was wir untersuchen.
Viele GrĂĽĂźe
Christoph
Literatur - www.myrmecophilus.de
Evolution of life: An evolutionary arms race