Myrmekophile

Themen über andere Insekten und Spinnentiere.
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cvb
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#9 AW: Myrmekophile

Beitrag von cvb » 13. Mai 2007, 13:46

Ich habe in den letzten Tagen künstlich Nester mit einigen Arbeiterinnen einer Lasius Art aus unserem Garten angelegt. Dabei habe ich mehrere Tiere der Ameisenassel (Platyarthrus hoffmannseggi) und gestern auch ein Ameisenfischchen (Atelura formicaria)eingefangen und ausserhalb der Nester gelegt. Sowohl das Fischchen als auch die Asseln konnte man alsbald im künstlichen Nest finden. Das Fischchen sitzt meist etwas abseits der Arbeiterinnen. Die Asseln laufen viel herum und verkriechen sich des öfteren bei Ameisenkontakt in kleinen Ritzen. Nach wenigen Tagen fand ich die Asseln tot, alle ausserhalb des Nestes. Das Fischchen reagiert auf Kontakt mit sehr schnellen Ausweichbewegungen. Essen habe ich die Tiere noch nicht gesehen, würde gerne einmal sehen, wie das Fischchen bei der Trophobiose mitnascht. Brut und Königin sind nicht in den Nestrn, sind also wirklich sehr künstlich angelegte Nester.
Bild
künstliche Nest

Bild
Atelura formicaria

Bild
Atelura formicaria undPlatyarthrus hoffmannseggi in künstl. Nest von Lasius sp.
Ich habe auch noch eine kleine Schnecke zu den Ameisen dazugelegt, die ebenfalls in Nestnähe vorkam, sie ist selbstständig in eine unbesetzte Kammer des künstlichen Nestes gekrochen. Ich habe bisher keinerlei Interaktion mit den Ameisen feststellen können, die Ameisen zeigen aber auch bei Kontakt keinerlei Agrression. Werde evtl. Fotos nachliefern, wobei es sich hierbei wahrscheinlich nicht um eine myrmekophile Art handelt. Also viel Grüsse Christoph


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#10 AW: Myrmekophile

Beitrag von cvb » 23. Mai 2007, 20:08

Habe noch einige kleine Abschnitte in "An Introduction to The Behaviour of Ants" von John H.Sudd (1967) über

1) Platyarthrus hoffmanseggi:
"The woodlouse Platyarthrus hoffmanseggi,which is found in the nest of most species of European ants is said to be attracted to formic acid (Brooks 1942). This could not help it to find the nests of for instance Myrmica rubra, where it is common, as this ant does not produce formic acid. Platyarthrus feeds on the cast out infrabuccal pellets and other rubbish in the nest, or more probably on mould on them. It is also said to leave the nests of Lasius niger at night to feed on honeydew."

2) Solenopsia imitatrix:
"Thorax der Ameisen. Der Begriff ist von den Spinnen entliehen, jedoch bei Ameisen eher fraglich, da es hier kein Prosoma gibt. Der Begriff Mesosoma soll auf die Umkonstruktion des Thorax aufmerksam machen, der ja ein zusätzliches Segment vom Abdomen dazu bekommen hat.">Mimikry which deceives in the darkness of the nest is more likely to involve things which look trivialin the light of the day. ... . Both the antenna and the forelegs of the Proctotrupid wasp Solenopsia imitatrix have the same proportions as those of its host Solenopsis fugax,... ." Zum Thema erbetteln von Flüssignahrung: "The wasp Solenopsia uses its ant-like antennae" to stimulate the ants " but not, it is said in the same sort of movements as ants use (Hölldobler 1928)."
Interessant fand ich auch die Bemerkung, dass normalerweise in Solenopsis fugax Kolonien keinerlei Käfermyrmekophile zu finden sind, bringt man aber Claviger testaceus (kommt in Lasius Nestern vor) in Solenopsis fugax Kolonien, so werden diese sogar eher gefüttert als die speziell an Solenopsis angepasste Wespe Solenopsia imitatrix. Der Käfer könnte also wohl in Solenopsis Nestern leben, gelangt aber wohl in natura nicht in deren Nester. Wäre interessant zu untersuchen, ob der Käfer sich prinzipiell in Solenopsis Nester vermehren könnte und warum er in der Natur nicht in diese gelangt. Ich finde es schon verwunderlich, dass so ein Austausch zur Fütterung führt. Die meisten Myrmekophilen sind doch sehr spezifisch an ihre Wirte angepasst und gewisse Gegenanpassungen sind wohl auch bei den Ameisen zu erwarten. Solenopsis wäre dem unbekannten Myrmekophilen also eventuel naiv ausgeliefert oder andersherum, der Käfer sollte nicht gut genug an die speziellen Verhältnisse von Solenopsis Kolonien angepasst sein.

3) Atelura:
"The silverfish Atelura steals part of the drop of food which one ant is regurgitating to another; it cannot make an ant produce a drop to order (Janet 1897b)."

[URL=http://picmirror.de/index.php/view/1167_atel.jpg]Bild[/URL]

Also um so mehr ich über die Myrmekophilen in Europa lese, desto mehr denke ich, dass hier noch zu wenig Forschung erfolgt ist. Viele Angaben beziehen sich auf teils sehr alte Literatur von Wasmann, Hölldobler, Wheeler, Gösswald, ... . Gerade moderne Methoden (chemische Analysen der Oberflächenmoleküle, Ausbreitung + Verwandtschaft myrmekophiler Arten zu den freilebenden Verwandten, spezielle Anpassungen,...) ermöglichen hier sicherlich interessante neue Einblicke. Ich werde meine Doktorarbeit bei Herrn Volker Witte in München (Arbeitsgruppe von Professor Foitzik) machen und dort die Myrmekophilen der Treiberameise Leptogenys distinguenda machen und hoffe dort viele neue Erkenntnisse, Anpassungen zu finden. Vielleicht kann ich ja einige Untersuchungen zu europäischen Arten anschliessen.
Viele Grüsse
Christoph

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#11 AW: Myrmekophile

Beitrag von cvb » 7. Juli 2007, 15:12

Hallo Leute, wollte euch noch eine interessante Beobachtung mitteilen. Habe ja oben beschrieben, wie ich das Ameisenfischchen in künstlichen Lasius sp. Nestern gehalten hab. Nun habe ich vor einer Woche das Lasius Nest aufgelöst und die Fischchen eigentlich als Nahrungsquelle in mein Myrmica ruginodus Nest geschmissen und siehe da, nun sitzen alle vier im Zentrum des Nests in einer Kammer mit vielen Puppen. Das finde ich schon erstaunlich, dass diese Fischchen einen Weg gefunden haben, sich in Nestern solch unterschiedlicher Ameisenkolonien zu etablieren. Sie müssen Anpassungen entwickelt haben, die allgemeingültig die Integration in Ameisennester ermöglicht. Sie könnten bsp. das chemische Profil der Kolonie passiv erhalten, indem sie sich an Arbeiterinnen und/oder Brut reiben. Oder sie ermöglichen die Integration allein durch ihre größere Schnelligkeit und der Fähigkeit ihre Schuppen zu verlieren, wie Buschinger das hier im Forum beschrieb. Interessant fände ich auch noch zu sehen, ob sie sich in Ponerinennestern halten würden, da die Arbeiterinnen von Ponerinen, wenn ich mich recht entsinne, kein Trophallaxis machen. Die Fischchen sollen ihre Nahrung aber v.a. durch mitnaschen erhalten
(siehe oben). Ich untersuche während meiner Doktorarbeit die Myrmecophilen von malayischen Treiberameisen, aber vielleicht könnte ich ja auch das Ameisenfischchen in die Untersuchungen mit einbeziehen.
Also viele Grüße Christoph

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Antastisch
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#12 AW: Myrmekophile

Beitrag von Antastisch » 15. Juli 2007, 01:01

Thema oben angepinnt. Sehr interessant alles, vielen Dank!

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#13 AW: Myrmekophile

Beitrag von cvb » 23. Oktober 2007, 19:22

[font=Times New Roman]Hallo Ameisenliebhaber,
ich habe nun meinen ersten Ausflug nach Malaysia hinter mir und bin sowohl von meinen Forschungen, als auch vom ganzen Land absolut begeistert. Wie ich ja bereits weiter oben beschrieben habe wird sich meine Doktorarbeit um die Beziehungen der sehr diversen Ameisengäste (Myrmecophile) mit ihrem Wirt, der Heeresameise Leptogenys distinguenda drehen.
[/font][font=Times New Roman]Dieses Studienobjekt hat mich gleich in seinen Bann gezogen und ich denke die folgenden Bilder machen euch meine Begeisterung verständlich. [/font][font=Times New Roman]
Bild
Bild1
L. distinguenda bei einem nächtlichen Umzug

Die nachtaktiven Heeresameisen (engl. Army ants) vollführen etwa jede zweite Nacht einen Umzug. Dabei laufen sie, wie ihr in Bild 1 erkennen könnt, oft in Reih und Glied, einer nach der anderen und tragen ihre Beute, ihre Brut und z.T. auch frisch geschlüpfte Jungarbeiterinnen (Callows) ins neue Nest. Dies stellt, wie man sich natürlich gut vorstellen kann, für die Myrmekophilen eine große Herausforderung dar. Sie müssen es schaffen mit ihrem Ameisenwirt mitzuhalten, ansonsten bleiben sie zurück und können somit nicht mehr den Schutz und auch die anderen Annehmlichkeiten ihrer Untermiete genießen. Umso erstaunlicher ist dies, wenn ich euch jetzt mitteile, dass unter den Myrmos sogar eine Schneckenart vorkommt. Aber auch die Leistungen der winzigen Tiere wie Phoriden (Buckelfliegen), Milben, Collembolen und winzigen Käferchen ist erstaunlich. Wie schaffen gerade diese kleinen Arten es den schnellen Heeresameisen zu folgen. Dies wird Teil meiner Doktorarbeit sein. Einige Anpassungen sind bekannt und unterschiedlichster Art:
Bild
Bild2 Spinnen folgen den Umzügen aktiv

Bild
Bild3 Collembolen können aktiv folgen oder sie können sich auch phoretisch verhalten, hier auf einer Puppe


Während Spinnen den Ameisen aktiv folgen, können bsp. Silberfische oder auch Collembolen sowohl aktiv folgen als sich auch passiv tragen lassen, indem sie sich auf Puppen aufsetzen. Die Mini-Buckefliegen laufen den Umzügen hingegen hinterher und können die noch frische Pheromonspur der Ameisen als Wegweiser nutzen. Oft saßen wir erstaunt da, als die Massen kleiner zuckender Pünktchen über die nun leere Ameisenstrasse huschten. Sie haben extrem lange Beine, die es diesen kleinen Tierchen ermöglicht solche für sie riesigen Strecken zu bewältigen (Umzüge können bis zu 50 Meter lang sein). Staphyliniden (Kurzflügelkäfer) folgen den Ameisen auf die gleiche Weise. Das faszinierendste Tier in diesem Zusammenhang, die Schnecke, hat sich nun wohl auch den ausgefallensten Trick ausgedacht: Sie segregiert eine schäumende Substanz, die die Ameisen attraktiv finden und dadurch die Schnecke zwischen ihren Mandibeln aufheben und durch die Gegend tragen. So hat auch diese sehr immobile Art es geschafft, sich der Biologie ihrer Wirte anzupassen.
Die Bewältigung der Umzüge ist aber nur einer vieler spannender Aspekte dieses Wirts- Symbionten- Systems. Mehr bei mehr Zeit.
[/font][font=Times New Roman]
Gruss Christoph


Literatur:
Maschwitz U., S. Steghaus-Kovac, R. Gaube and H. Hänel 1989. “A South East Asian ponerine ant of the genus Leptogenys (Hym., Form.) with army ant habits." [color=black]Behavioral Ecology and Sociobiology[/color] 24: 305-316.


Maschwitz U. and S. Steghaus-Kovac 1991. „Individualismus versus Kooperation; Gegensätzliche Jagd- und Rekrutierungsstrategien bei tropischen Ponerinen (Hymenoptera: Formicidae)“ Naturwissenschaften 78: 103-113


Witte V., H. Hänel, A. Weissflog, H. Rosli, and U. Maschwitz 1999. „Social integration of the myrmecophilic spider Gamasomorpha maschwitzi (Araneae: Oonopidae) in colonies of the South East Asian army ant, Leptogenys distinguenda (Formicidae: Ponerinae).” Sociobiology 34:145-159.


Witte V., R. Janssen, A. Eppenstein, and U. Maschwitz. 2002. “Allopeas myrmekophilos (Gastropoda, Pulmonata), the first myrmecophilous mollusc living in colonies of the ponerine army ant Leptogenys distinguenda (Formicidae, Ponerinae).” Insectes Sociaux 49:301-305.
[/font]

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#14 AW: Myrmekophile

Beitrag von cvb » 8. Mai 2009, 20:45

Hier auch eine kleine Doku zum oben beschriebenen.
Gruß
cvb
[font=Arial]http://www.evolution-of-life.com/en/observe/video/fiche/an-evolutionary-arms-race.html[/font]

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#15 AW: Myrmekophile

Beitrag von Boro » 9. Mai 2009, 11:22

Hallo cvb!
Im vorigen Jahr habe ich in einem Nest von Manica rubida Myrmecophilus acervorum entdeckt u. fotografiert:
http://picmirror.de/bild.php/24808_drau1015a.jpg
Beste Grüße Boro

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#16 Re 4

Beitrag von abcd790 » 6. Juni 2009, 11:58

Excellent analysis. But not good as thoses nice blogs : runescape money and runescape, and runescape gold blog?

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