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Haltungserfahrungen Carebara diversa

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christian
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#1 Haltungserfahrungen Carebara diversa

Beitrag von christian » 24. September 2016, 02:35

Hey,

hier wollte ich meine Erfahrungen mit der Art Pheidologeton diversus (sorry, bin konservativ) wiedergeben. Wie viele von euch sicher wissen, wird diese Art von den meisten Leuten als... schwierig eingestuft. Sowohl was Temperaturempfindlichkeit als auch Futtermangel, Ausbruchschutz, sprunghaftes Koloniewachstum etc. angeht scheint die Art nach Ansicht der Mehrzahl der Halter anfälliger zu sein, als viele andere Arten.
Ich habe, als ich mir am 18.08.2004 meine erste Ameisenkolonie im Internet gekauft habe, mir schon diese Pheidologeton um haaresbreite gekauft, auf Anraten meiner Mutter und aus preislichen Gründen dann aber doch eine Lasius niger bestellt ( :D ). Na ja, lieber spät als nie, zwölf Jahre und 20 gehaltene Arten später fühle ich mich etwas eher gewappnet, trotzdem rechne ich nicht unbedingt damit, dass der Bericht hier allzu lange weitergehen wird.

So, zu meiner Kolonie; Diese habe ich mir, als ich vor ca. zwei Wochen in Berlin war, selber im Antstore ausgesucht und mangels artgerechter Transportmöglichkeiten nach Aachen schicken lassen. Gab eine Transportleiche.
War wirklich nett da, kompetente und persönlich sehr angenehme Verkäufer, die mir alles gezeigt haben. Wer Pachycondyla apicalis, Oecophylla smaragdina oder eben ne Pheidologeton diversus mit 10 Königinnen und entsprechend Arbeiterinnen mal live sehen will, muss sich unbedingt da hinbewegen!
So genug Werbung, die Tiere haben eine Koloniegröße von ca. 70 Tieren (plusminus). Neben der majestätischen (passenderweise) Königin besteht die Kolonie aus einem sehr großen (sicherlich 15mm) und 3 kleineren Soldaten. Die Aufgabe eines großen Soldaten scheint darin zu bestehen, für die Kolonie als Futterspeicher für schlechte Zeiten zu fungieren. Mein Exemplar ist auch bis oben hin voll, oder auf schlau physogastrisch. Ansonsten hält dieser sich bei der Königin auf, ich konnte bei ihm bisher keinen Kontakt mit dem Futter beobachten. Allerdings würde es sinnvoll erscheinen, dass das Tier auch zur Nestverteidigung eingesetzt wird- die Natur ist sparsam und ein solches Muskelmonster als Futterspeicher macht keinen Sinn. Das wäre ja wie einen Bugatti als Tankwagen zu verwenden.
Die kleineren Soldaten scheinen etwas aktiver zu sein; sie wirken auf mich als würden sie den Nesteingang bewachen und haben auch einen gewissen Aktionismus an den Tag gelegt, als es darum ging die Beute zu zerteilen.
Die kleinen Arbeiterinnen (etwa so groß wie klassische Pheidole, ähneln zum Verwechseln z.B. P. noda) sind mit Abstand am aktivsten; sie erkunden, bauen, suchen und finden Nahrung.

Zu meiner Haltung
Ich habe mich zu Anfang für eine etwas sterilere Art entschieden, die Tiere zu halten. Toll eingerichtete Becken waren bisher nur im Weg um haben den Ameisen diverse Möglichkeiten eröffnet Unsinn aller Art zu vollbringen, besonders den Ausbruchschutz zu überwinden oder ein Nest zu bauen das wahlweise überflutet wird oder einstürzt. Im besten Fall beides gleichzeitig. Schimmel und ungeliebte Mitbewohner aller Art waren an der Tagesordnung.
Deshalb habe ich das Formicarium, so lange die Tierchen noch in das Reagenzglas passen, komplett ohne Bodengrund eingerichtet. Ca. einen Esslöffel Blumenerde gabs, um ihnen die Möglichkeit der Klimaregulation, bzw. Schutz des Eingangs zu geben.
Als Ausbruchschutz gab es eine dicke Schicht Talkum und, bis das getrocknet ist, noch eine Glasscheibe. Langfristig ist noch Öl und ein Wassergraben in Planung, man will in einer Studentenbude ja nicht unbedingt eine Karawane mit dem Mittagessen von seinem Mitbewohner antreffen. Bei dem Becken handelt es sich um ein 30x20x20cm mit 27mm Lochbohrungen.
Je nachdem wie sich die Kolonie entwickelt, würde ich sie vllt. in meine 40x30x6cm (glaub ich) Farm setzen, mit einem von meinen 50cm Würfeln als Arena. Mal schauen.
Beleuchtet wird das ganze noch mit einer meiner guten, alten Glühbirnen. Soll das ganze gleichzeitig noch bisschen heizen, gegen Wärme haben die Tiere soweit ich weiß nichts speziell, wobei ich acht geben muss, ich traue meinem alten Thermometer nicht mehr so ganz. Egal was ich mache, es zeigt 22°C an...
Als Nahrung reiche ich tote Arthropoden aller Art, Zuckerwasser und Körner (Kanarienvogelfutter). Am ersten Tag waren die alles andere als wild auf Nahrung, das hat sich allerdings bis jetzt wieder gebessert. Gab heute einen Haufen Drosophila, eine Zitterspinne, eine dicke Stechmücke und eine Stubenfliege.

IMG_3038.JPG


Und bitte, bitte wenn euch irgendwas auf dem Herzen liegt oder ihr was wissen wollt, dann teilt euch mir mit, z.B. hier:
carebara-diversa-haltungserfahrungen-t55308.html.

LG
christian
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#2 Re: Haltungserfahrungen Carebara diversa

Beitrag von christian » 26. Januar 2017, 23:28

Es geht weiter, die Kolonie existiert nach wie vor. In den letzten Monaten hat sie sich auch prächtig entwickelt und zählt neben ca. 600 Arbeiterinnen auch vielleicht 40 Soldaten, darunter 6 Supersoldaten. Wie auch sonst an vielen Stellen zu lesen ist, ist ihr Futterbedarf wirklich immens. An einem Tag hat meine Kolonie bei ca. 400 Arbeiterinnen einmal eine ausgewachsene Wüstenheuschrecke und drei beinahe erwachsene Heimchen gefressen. Anders als ich das bei anderen Arten beobachtet habe, lässt meine Kolonie meistens wirklich gar nichts übrig. Bei den Heuschrecken lediglich die Mandibeln, die wohl einfach zu hart sind.
Dass die Tiere schwer am Ausbruch zu hindern sind, kann ich ebenso wenig bespätigen wie dass sie sonderlich anfällig gegen Temperatur- oder Feuchtigkeitsschwankungen wären. Sie sind mehrfach- leider nicht zu vermeiden- auf für zwei Stunden auf ca. 10°C abgekühlt worden, was sie schadlos überstanden haben. Als ich in Urlaub war und meine eingesetzte Pflege die Tiere nicht ordentlich gewässert hat, haben sie das auch überlebt- und hier kommen wir zum Punkt, an dem ich mich frage, ob ich mir Sorgen machen sollte.
Und zwar seit dieser Dürreperiode (ca. 1 Woche lang zwischen den Jahren) ist ein Großteil der massig vorhandenen Brut verschwunden (~70%) und die Tiere fressen nicht mehr ordentlich. Gerade zum ersten mal seit vielleicht zwei Wochen haben sie ein Stück rohes Hähnchen eingetragen. Sonst die angebotenen Heimchen eingetragen, Beine ab, wieder raus ---> Müll. Ohne dass sie es wirklich angerührt hätten.
Ich hatte gelesen, dass die Tiere eine ca. 6 wöchige Ruhepause einlegen können, in der die Brut zurückgeht und die Akivität weitgehend eingestellt wird. Ob das von ihrem Herkunftsort her klimatisch jetzt stattfinden soll, weiß ich nicht. Ich weiß nichtmal, woher die Kolonie stammt. Abgesehen davon stellen sie ihre Aktivität absolut nicht ein, und trinken (anders als früher) wieder in großen Mengen Zuckerwasser. Da sie jetzt auch vermehrt an der Scheibe hochklettern und ganz im Gegenteil insgesamt eine deutlich erhöhte Außenaktivität zeigen, könnte man vermuten, dass etwas mit den Heimchen nicht stimmt (?). Andererseits werden auch in großen Mengen Eier gelegt, nur Larven sehe ich keine mehr. Puppen sind aber noch einige vorhanden. Wenn von euch einer ne Idee hat, möge er sie mir gerne mitteilen!
Ich werds einfach weiter beobachten und es beste hoffen.

Die Tiere leben nach wie vor in dem 30x20x20 Becken, ich habe sie allerdings inzwischen in eine Schale mit Erde umgesiedelt. Ich vertrete vehement die Haltungsphilosophie, dass man den Tieren soweit wie möglich erlauben sollte, sich ihren Lebensraum selbst zu gestalten. Die wissen schon, was gut für die ist. Sieht momentan wenig fotogen aus, aber ist glaube ich eine relativ artgerechte Haltung.

Zur Bewässerung: Wer seine Kolonie schonmal in einem Erdnest mit wenig Volumen gehalten hat, weiß, dass das nicht so einfach ist. Das Nest trocknet schnell aus und lässt sich danach nur noch schwer wieder mit Wasser benetzen. Tropft man geringe Mengen drauf, reicht das nicht aus, größere ertränken entweder das ganze Nest oder zumindest ein paar Arbeiterinnen. Und dann reicht es meistens auch nicht.
Ich hab das Problem jetzt mit einer Tröpfchenbewässerung gelöst. Die Glasscheibe quer drauf, sodass ein 10cm breiter Spalt entsteht. Oben drauf ein Becher mit Wasser. Da rein ein Taschentuch, das über den Becherrand ins Becken hängt. Ca. alle 15 Sekunden geht dann ein Tropfen runter, immer an die gleich Stelle, also kein Problem mit ertrinken. Ist die Erde feucht, einfach das Taschentuch raus und gut ist. Funktioniert perfekt.

Wirklich wichtig für eine stabile Entwicklung scheint vor allem Wärme und genug Futter zu sein. Sie sind m.M.n. eher stressunempfindlich (jedenfalls weniger als Formica oder gar Dendrolasius) und auch relativ einfach zu halten. Und sie scheinen einen ziemlich effektiven Stachel zu haben, jedenfalls sind sie durchaus in der Lage ein hochvitales Heimchen jeder Größe zu fangen. Selbst der Stich einer einzelnen Arbeiterin hat in einer Beobachtung gereicht ein Heimchen erheblich zu schwächen. Wenn eines der Tiere einmal in eine größere Ansammlung Arbeiterinnen gerät, wird es in sekundenschnelle getötet. Meiner Meinung nach lässt es sich auch durchaus diskutieren, ob das wirklich so unhuman ist. Zumindest nach einfrieren haben die Ameisen den Kadaver nicht mehr angerührt, d.h. man muss sie mechanisch töten. Und das geht häufig leider schnell schief, da die Tiere nicht im engeren Sinne ein zentrales Nervensystem wie ein Mensch haben. Das Gift tötet dagegen schnell und allumfassender. Ist nur ein Gedanke den man berücksichtigen sollte, meistens (eigentlich immer) erledige ich das aus verschiedenen Gründen trotzdem selbst.

Falls ich überflüssige Rechtschreibfehler eingebaut habe, sorry dafür. Ich hab bei dem neuen Computer noch nicht rausfinden können, wie man die Autokorrektur einschaltet. Momentan unterstreicht der alles (englisch oder was?). I don't want to get underlined anymore! -Jap, ist anscheinend der Grund^^

Liebe Grüße,
christian
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