Hartz 4 etc.

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#25 AW: Hartz 4 etc.

Beitrag von Gast » 22. November 2012, 23:46

Ich lebe seit Jahren vom Arbeitslosengeld II, und komme so gut mit dem Geld aus, dass ich monatlich noch ein wenig zurücklegen kann für Notfallanschaffungen, etc. Ich lebe allerdings auch sehr sparsam.
Ich bekomme das ALG II weil ich Vollzeit eine Angehörige pflege, die mich dafür leider nicht entlohnen kann.

Das Problem fängt doch schon damit an, dass man wenn man ALG II sagt - wie bereits erwähnt die korrekte Bezeichnung - teils schief angeguckt wird und sich sagen lassen muss, dass man beschönigen will, dass man Hartz-IV-ler ist.
Das sind dann auch genau die Leute, die wenn sie erfahren, dass ich "nichts anders mache" als zu pflegen nach neuen Argumenten suchen, warum das blöd ist: nämlich weil ich mich nicht selbst verwirkliche (wer sagt das eigentlich?), und im Unterton schwingt sehr deutlich mit, dass ich deshalb "eine von diesen Asozialen" bin.
Haushalte ich mit meinem Geld gut genug, um mir alle zwei Jahre einen Urlaub leisten zu können lebe ich wie die Made im Speck, wenn ich mit meinem Geld nicht auskomme, dann muss das daran liegen, dass ich es entweder für Alkohol und Kippen rausschmeiße oder sonstigen zweifelhaften Vergnügen damit nachgehe, und "der Steuerzahler" soll es dann bezahlen.
So oder so kann ich es - genau wie meine Haltung zu meiner Situation - nur falsch machen. Wenn du ALG II bekommst ist das so ein bisschen wie ein Judenstern. Gab es da nicht mal sogar genau diesen Vergleich in den Medien, weil eine Politikerin durchsetzen wollte, dass die Kinder von ALG II - Empfängern das in der Schule bekanntgeben müssen, damit Einschulungsgeld bezahlt wird?
Ach ja, der Plasmafernseher: Doch, ich denke wenn ich mir das Geld anderswo abspare, dann könnte ich mir einen leisten, und das finde ich auch gut so - also dass ich selbst noch entscheiden darf, wo meine Prioritäten liegen, und was ich mit dem Geld mache. Aber es ist nun einmal so, wenn man Wert auf mehr Luxus legt, dann braucht man einen Job, und auch das finde ich richtig.
Ich glaube viele Berufstätige spüren auch gar nicht so genau, dass sie (in den meisten Fällen zumindest), einen höheren Lebensstandart haben, als der durchschnittliche ALG II-Empfänger. Das macht sich ja auch oft nur in subtileren Dingen bemerkbar, die sich aber aufaddieren. Und dann sieht es leicht so aus, als könnte der nicht Arbeitende sich genauso viel leisten wie der, der sich krumm schuftet. Ich will dabei nicht die Tatsache schmälern, dass es inzwischen was Verdienste angeht teilweise wirklich schlecht aussieht (mein Nachbar verdient grade so viel, dass er nicht mehr ALG II braucht). Aber viele dieser Eindrücke entspringen meiner Meinung nach mehr asu Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben, als aus tatsächlicher Missgunst. Aber heute darf man ja nicht mal mehr sagen: herrjeh, ich würde auch lieber auf der Couch gammeln. Nö, man muss stolz darauf sein, ein Arbeitstier zu sein, selbst wenn das nicht das ist, was man sich für sein Leben wünscht. Gleichzeitig dann aber darauf schimpfen, wie schlimm in Deutschland alles ist. Ein so gutes soziales Netz und Gesundheitssystem gibt es kaum irgendwo sonst!

Was Viele auch nicht wissen ist, dass doch Einiges die Leistungen der ARGE des Jobcenters betreffend im Ermessen des jeweiligen Sachbearbeiters liegt.
Ich wohne hier in einer kleinen DG-Wohnung, direkt auf der anderen Seite des Flures eine anders geschnittene Wohnung in gleicher Größe, Mietverträge und Nebenkostenformular wurden absolut gleich ausgefüllt, und mein Nachbar hat vorübergehend auch ALGII bezogen, aber während der ganzen Zeit fast 30 Euro weniger im Monat bekommen als ich.

Ich bin sehr für den Versuch "Bedingungsloses Grundeinkommen" (nicht bedienungslos ;) ). Denn ehrlich gesagt wäre es mir tausend Mal lieber, wenn unter'm Strich vielleicht zwar noch genauso viele Leute von dem Geld herumgammeln, als weiterhin in einer sich stetig mehr vergiftenden Atmosphäre zu leben, wie sie derzeit herrscht.
Mit dem Bedingungslosen Grundeinkommen würde mMn im Idealfall die Verantwortung für das eigene Leben auch wieder in die eigenen Hände gepackt - dahin wo sie hingehört, und zwar in Kombination mit einem sozialen Netz.

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#26 AW: Hartz 4 etc.

Beitrag von Cateena » 23. November 2012, 04:41

@ Frau Dechse
Ich benutze den Begriff Hartz 4 nicht um jemanden herab zu Stufen, hoffe das ist nicht so rübergekommen. Hartz 4 bezeichnet das vierte Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt, in dem festgelegt ist, das Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe zusammen gelegt werden, zum Arbeitslosengeld 2. Hartz 4 hat sich nur einfach als Begriff so festgesetzt, den ich völlig wertungsfrei benutze.
Was das bedingungslose Grundeinkommen angeht, bin ich skeptisch. Es würde Leuten wie dir, die unverschuldet in der Situation sind, entweder wegen Pflege eines Angehörigen oder einfach weil es keine Jobs gibt, sicher einiges erleichtern. Aber eben auch Tür und Tor öffnen, für diejenigen die einfach nur faul sind. Gibt ja keine Bedingungen, also können faule Leute ihr leben lang nichts tun. Ist halt wirklich ein schweres Thema.
Interpunktion und Orthographie dieses Beitrags sind frei erfunden.
Eine Übereinstimmung mit aktuellen oder ehemaligen Regeln wäre rein zufällig und ist nicht beabsichtigt! :fluchen:

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#27 AW: Hartz 4 etc.

Beitrag von Gast » 23. November 2012, 11:41

@Canteena
Nein, das kam nicht so rüber, das war ganz allgemein gesprochen.
Klar könnten die faulen Leute dann faul rumsitzen. Aber mal ehrlich, das tun sie doch jetzt auch schon, und bei dem meistens aussichtslosen Kampf dagegen etwas tun zu wollen verkrampft und vergiftet sich die ganze Nation.

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#28 AW: Hartz 4 etc.

Beitrag von Clypeus » 23. November 2012, 13:16

Was ist eigentlich mit den Leuten, die in der Fußgängerzone betteln gehen oder obdachlos sind? Das sind doch wohl nicht alles illegale Einwanderer, die kein Visum haben und keine deutschen Bürger sind? Und sehr kompliziert ist die Beantragung eines Arbeitlosengeldes doch nicht...?

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#29 AW: Hartz 4 etc.

Beitrag von Cateena » 23. November 2012, 14:49

Also soweit ich weiß, sind Obdachlose nicht berechtigt ALG2 zu bekommen, solange sie nicht irgendwo gemeldet sind. Bei sozialen Verbänden die Obdachlosen helfen, können die sich melden und dürfen diese Stelle dann als postadresse verwenden. Ohne eine solche Adresse, kann das Amt sie nicht erreichen, sie stehn also nicht zur Arbeitsvermittlung zur Verfügung und sind daher nicht leistungsberechtigt.
Einem Obdachlosen steht eine Hilfe durch sozialgeld zu, inklusive der Hilfe zur wieder Eingliederung, nur müssen sie das auch wollen. Und nur weil jemand auf der Straße sitzt und bettelt, heißt das nicht automatisch, das er kein sozialgeld bekommt.
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#30 AW: Hartz 4 etc.

Beitrag von fehlfarbe » 23. November 2012, 17:23

Hey Clypeus,

wie Cateena ja schon sagte benötigt man einen festen Wohnsitz bzw. eine Adresse um ALG2 und andere Sozialleistungen beziehen zu können. Also wenn es hart auf hart kommt, man seine Wohnung verliert und keine Freunde / Verwandte hat bzw. diese nicht bereit sind dir zu helfen, landet man wohl erst mal auf der Straße.

Wenn du dich für das Thema interessierst, schau dir mal diese Reportage von Günther Wallraff an: https://www.youtube.com/watch?v=iiB-GFl0hEc
Ich denke, da bekommt man ein paar Einblicke in das Leben von Obdachlosen und die Gründe, die zu so einem Leben führen.

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#31 AW: Hartz 4 etc.

Beitrag von Soulfire » 24. November 2012, 16:12

Zuerst: Ich hab den Thread nicht ganz gelesen, werde ich später nachholen.

Ich habe grade (mal wieder) meine Kündigung bekommen, muss also am Montag zum Amt. (Nein, kein Mitleid bitte.)

Ich war auch vorher schon in Harz IV und ich kann nur von meiner Sicht aus sagen, das ist ziemlich scheiße!
Wie man sich davon einen Mercedes ect. leisten können soll, ist mir schleierhaft.
Ohja, man hat gewisse Rechte, aber um die durchgesetzt zu bekommen, braucht man Nerven aus Drahtseil, völlige Gleichgültigkeit oder das Glück einen wirklich korrekten Sachbearbeiter zu bekommen (Gibt es die überhaupt?).
Ich hätte z.B. für einen Job an einer Raststätte ein Auto gebraucht, was mir rein rechtlich auch zusteht.
Der Job fing zwei Wochen später an, den Termin hätte ich letztlich zwei Monate später bekommen (gut das ich Muttis Auto nehmen durfte), nach viel hin und her telefonieren und so weiter.
Ich habs letztlich aufgegeben und mir bei meinen Eltern Geld geliehen.
Insgesamt habe ich wärend meiner Harz IV Zeit (die ~1 Jahr dauerte) knapp 3000€ Schulden gemacht, es hat allein ein halbes Jahr gedauert, bis ich überhaupt mal Geld hatte, dank Deutschlands unvergleichlicher Bürokratie.
Naja Miete, Rechnungen, usw. in einem halben Jahr häuft sich da einiges an.
Auch wenn ich dann das Geld komplett auf einmal bekommen habe, Zinsen und Mahngebühren werden nicht erstattet, darauf bleibt man sitzen.

Harz IV bekommt man, wenn man keine Arbeit hat und bedürftig ist und man bekommt es Anfang des Monats.
Fange ich also eine neue Stelle an (in der ich ja Ende des Monats Geld bekomme), habe ich automatisch einen Monat lang kein Geld.

So häuft sich das an.
In dem Sinne ist es wirklich besser keine Stelle anzunehmen, dann macht man weniger Schulden.
Leider bin ich ein Arbeitstier und mir liegt das Zuhause sitzen nicht.
Wenn ich jetzt wieder in Harz IV komme, bekomme ich das, was mein "Existenzminimum" ist. Das davon noch monatlich ~100€ Schuldenabzahlung weggehen interessiert niemanden. Damit muss ich selbst klar kommen.
Urlaub, Kino, alles was etwas kostet kann ich vergessen.
Bei jedem neuen Job steigen meine Schulden und es bleibt die Unsicherheit, ob man nicht doch wieder gekündigt wird und alles für die Katz war (und Nein, ich nehme mir mal raus zu behaupten, es lag nicht NUR an mir, ich arbeite gerne, bin flexibel und zeige das auch mit ausreichender Motivation, aber manchmal passt es einfach nicht)

Ich kann jeden verstehen, der sich auf die faule Haut legt und sich vom Staat bezahlen lässt, denn das ist wesentlich einfacher, als der Kampf um den Rest. Wenn man sich nämlich ehrlich um einen Job bemüht, bedeutet das verdammt viel Stress und Anstrengung und wöfür? Ich habe das letzte halbe Jahr gearbeitet für 50€ weniger, als ich vom Amt bekommen hätte!
Das Geld für Bewerbungen wird mittlerweile auch pauschalisiert, eine ordentliche Bewerbungsmappe ist da gar nicht drin!

Mein einziger Grund Arbeiten zu gehen ist nicht vom Amt bevormundet zu werden. Denn Harz IV ist nichts anderes, als eine Bevormundung durch das Amt. Keine wichtige Entscheidung darf mehr alleine gefällt werden, über alles muss man Rechenschaft ablegen.

Die typischen Fernseh Harz IV Empfänger sind deutlich in der Unterzahl und das sind meist Leute, die ihr Leben aufgegeben haben. Kaum soziale Kontakte, das bißchen Geld wird eben lieber in den neuen Ferseher gesteckt, als benutzt, um rauszugehen.
In wirklichkeit sind das verdammt arme Schweine...

So, das war mein Statement dazu, wenn ich den Thread gelesen habe, melde ich mich vielleicht nochmal.
Kleingeister brauchen Ordnung, Ein Genie beherrscht das Chaos!

Ich halte Formica sanguinea, Temnothorax cf. nylanderi, Lasius cf. flavus, Lasius cf. niger, Formica rufibarbis, Formica cunicularia, Tetramorium sp., Camponotus vagus

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#32 AW: Hartz 4 etc.

Beitrag von Gast » 24. November 2012, 19:46

@ fehlfarbe
Auf die Reportage wollte ich auch hinweisen. :)

@ clypeus
Ergänzend: Allerdings sollte es so sein, dass einem, wenn man sich an das Amt wendet, eine Unterkunft zur Verfügung gestellt/vermittelt wird. Die Betonung liegt auf sollte. In der Praxis klappt das nicht immer so, und es ist sicherlich auch zu bedenken, dass jemand der auf der Strasse landet eine Menge Probleme mit sich herum schleppt und eventuell gar nicht in der Lage ist die nötigen Amtsgänge zu erledigen, bzw. sich genug um sich selbst und seine Angelegenheiten zu kümmern.

@ soulfire
Die typischen Fernseh Harz IV Empfänger sind deutlich in der Unterzahl und das sind meist Leute, die ihr Leben aufgegeben haben. Kaum soziale Kontakte, das bißchen Geld wird eben lieber in den neuen Ferseher gesteckt, als benutzt, um rauszugehen.
In wirklichkeit sind das verdammt arme Schweine...
Genau! :clap:

Ich musste mich nach meinem Urlaub zurückmelden, und zwar persönlich. Telefonisch ging nicht, obwohl ich ab dem ersten Tag meiner Rückkehr wieder voll gepflegt habe, d.h. im Grunde genommen bin ich ja berufstätig, nur in der Angehörigenpflege ist es nicht so einfach sich mal eben frei zu nehmen. Man bekommt zwar eine Betreuung bezahlt, aber da kostet dann auch die Anfahrt, und die Geldmittel, die einem dafür zur Verfügung stehen sind begrenzt. (D.h. im Grunde genommen ist es verschwendetes Geld und verschwendete Zeit, und zusätzlicher Stress für mich. Als hätte ich davon nicht genug..)
Am Telefon wurde das begründet mit: Ja wenn Sie anrufen könnten Sie ja sonstwo sein. Auf meinen Hinweis, man könne mich doch bitte rasch unter der Nummer, die man von mir hat, zurückrufen, dann würde man ja feststellen können, dass ich zu Hause bin wurde nur rumgestottert und ich ins Amt zitiert - aus reiner Willkür, eine Begründung wieso das nötig ist konnte man mir nicht nennen.
Das ist allerdings auch schon die dritte Sachbearbeiterin in sechs Wochen. Vorher hatte ich zwei sehr sympatische, die sich beide sehr für mich eingesetzt haben - ein riesen großes Glück, und leider viel zu selten.

Ich kann mir nicht recht vorstellen, dass du bei einer Anstellung ab dem zB 25. für die ganze Zeit vorher keinen Anspruch auf ALG 2 (anteilig versteht sich) hast. Falls dir das beim Amt so gesagt wird würde ich dir dringend raten dich in einem Erwerbslosenforum nochmal genau schlau zu machen und beraten zu lassen, bzw. dich für eventuell nötigen Schrifrkram mit dem Amt an die VDK (oder, falls bei dir nicht in der Nähe) einen anderen ähnlichen Verein zu wenden.

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