Unbekannte Ameise

Allgemeine Fragen und Themen über europäische Ameisenarten.
Stefan
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#25

Beitrag von Stefan » 4. September 2006, 21:33

Sollte es sich wirklich um diese Gattung handeln, bist du doch nicht der Erstentdecker hier in Mitteleuropa.
Angeblich wurde diese Art schon in Frankreich und Süddeutschland gesichtet. Aber sicher auch schon in anderen südlichen Gegenden.

Wäre schön mal näheres über diese Art zu erfahren, leider findet man nichts besonderes. Interessant ist sicherlich auch ihre eigentliche Herkunft, da hab ich nämlich auch keine Ahnung wo die herkommen.

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Boro
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#26

Beitrag von Boro » 5. September 2006, 14:48

Die offizielle Bestätigung für Pyramica (Epitritus) argiolus muß vorläufig ausbleiben, weil ich heute trotz einiger Grabungsarbeiten keine Arbeiterinnen dieser Art finden konnte und daher keine Exemplare an Prof. Buschinger senden kann. Die Schwärmzeit ist seit einer Woche vorüber, damals hab ich es verabsäumt einige Geschlechtstiere einzusammeln. Ich konnte ja nicht wissen, dass es sich um einen brisanten exotischen Einwanderer handelt.
Aber ich bleibe am Ball, falls es etwas Neues gibt.....
Ich hab mich im Internet ein wenig schlau gemacht und festgestellt, dass diese Gattung wohl aus Afrika nach Europa verschleppt wurde. In Spanien und der Provence ist sie nachgewiesen, gilt aber auch dort als neues Faunenelement. Prof. Buschinger hat schon 1997 in der Verbandszeitschrift der Dt. Ameisenschutzwarte über das erste Auftauchen dieser Art in Deutschland berichtet. Ich bin selbst Abonnent von "Ameisenschutz aktuell", aber das Heft von 1997 wird man wohl nicht mehr bekommen.
Über Nachweise in Großbritannien konnte ich bislang nichts finden. Alle bisherigen Funde liegen jedenfalls in Südeuropa oder im klimatisch begünstigten Westeuropa (einschließlich Rheinland) mit sehr milden Wintern.
Hier hätten wir den ersten Fund sozusagen im "kontinentalen" Bereich mit kalten Wintern. Im ganzen Rheingebiet gibt es im kältesten Monat Jänner keine Meßstation mit negativem Monatsmittel der Temperatur. In Klagenfurt haben wir 3 Monate im negativen Bereich:
Dezember -2,1°, Jänner -4,5°, Februar -2,0° . Da helfen auch die sonnigen und warmen Sommer nichts; wie das afrikanische Ameisen im Freiland überleben, bleibt mir ein Rätsel.
Gruß Boro

Chreisben
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#27

Beitrag von Chreisben » 19. September 2006, 14:54

Hallo Boro

Mich würde interessieren, wie der aktuelle Stand ausschaut? Konnte Prof. Buschinger noch bestätigen, dass es sich um Pyramica (Epitritus) argiolus handelt? Oder wird man noch bis zum nächsten Schwärmen warten müssen?

Gruß
Christian

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Boro
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#28

Beitrag von Boro » 19. September 2006, 20:56

Hallo Chreisben!
Ja, es wird sich wohl um Pyramica argiolus handeln. Die offizielle Bestätigung muß aber ausbleiben, weil ich in Unkenntnis der Lage kein schwärmendes Geschlechtstier eingesammelt habe, um es zur Verifizierung weiterzuleiten. Arbeiterin habe ich vorher keine gesehen, aber das besagt nichts, da sie eine sehr verborgene Lebensweise führen.
Mehr als eine Woche später - aufgeschreckt durch diverse Meldungen und Bestätigungen - begann ich durch vorsichtiges Graben nach dem eigentlichen Nest zu suchen. Ich bin unmittelbar daneben auf ein Solenopsis-Nest gestoßen, von den Pyramica keine Spur. Allerdings herrschte totale Trockenheit, sodass sich die Tierchen vielleicht in die Tiefe verzogen haben.
So muß ich bis zum nächsten August warten. Prof. Buschinger hat mir freundlicherweise seinen Artikel "Ein neues Gesicht: Epitritus argiolus erstmals in Deutschland" aus dem Jahre 1997 zugesandt. (Epitritus=jetzt Pyramica). Er teilte mir auch mit, dass eine verwandte Art in Nordamerika nordwärts wandert, auch in winterkalte Gebiete.
Soweit so gut. Der Jagdinstinkt in mir ist jedenfalls geweckt.
Mittlerweile ist die Sache ja weiter verbreitet: Ohne mein Wissen und meine Zustimmung hat "Antstore" Bilder und Text übernommen und im www ist die Meldung auch schon, allerdings unter falscher Überschirift!
Gruß Boro

Chreisben
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#29

Beitrag von Chreisben » 21. September 2006, 07:58

Hallo Boro

Tja, so ist das mit dem Informationsgehalt des [url]WWW.[/url] Es gibt unmengen an Fehlinformationen über die auch ich gestolpert bin, als ich Genaueres über die von dir gefundene Art herausfinden wollte. Vielen ist wohl immer noch nicht bekannt, dass es sich nicht um eine Strumigenys sp. handelt... das Stillepost-Prinzip greift eben auch hier ;)

Wie sieht es denn mit der Verbreitung dieser Art in Europa aus? Wo hat man sie bisher gefunden? Ich glaube, dass ich gelesen hatte, dass dein Fund auf Grund der klimatischen Bedingungen wohl etwas von der bisherigen Verbreitung abweicht...

Gruß
Christian

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Boro
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#30

Beitrag von Boro » 21. September 2006, 14:27

Inzwischen ist die Sache bereinigt. Der bei Google unter dem Suchwort "Pyramica argiolus" an erster Stelle situierte fehlerhafte Artikel ist inzwischen auch gelöscht worden.
Ja, der Fundort im winterkalten Bereich Europas ist wohl der erste seiner Art, bisher war Pyramica durch vereinzelte Funde in Südeuropa (Italien, Spanien, Südfrankreich) belegt. Ebenso im Wallis oder Rheingebiet mit einem Einzelfund. Das Problem ist wohl, dass man kein Nest findet, weil die Tierchen ein sehr geheimnisvolles Leben führen und sehr klein sind.
Schuppen (Kopf!) und pinselförmige Haare an den Beinen dienen offensischtlich dazu, Erdmaterial über Kopf und Körper zu verteilen, um sich zu tarnen.(Buschinger, Ein neues Gesicht: Epitritus argiolus, erstmals in Deutschland beobachtet. l997). Epitritus=heute Pyramica!
Wie soll man da eine solche Ameise überhaupt finden? Ich habe ja auch noch keine Arbeiterin gesehen, nur den sehr auffallenden Balzvorgang durch 2 Sommer im August beobachten können. Erstmals heuer sind brauchbare Fotos gelungen und damit die ganze folgende Aufregung!
Man könnte ja fast an ein Wunder glauben, dass dieses Wesen ausgerechnet im Garten des Boro, eines unverbesserlichen Insektenfreundes, auftaucht. Aber so ist es nicht, die Gattung gibt es sicher schon länger und weiter verbreitet! Nur finden tut sie niemand, wer hält schon nach winzigen Ameisen Ausschau?
Der vorletzte Winter war bei uns eine Katastrophe: Den ganzen Winter fast kein Niederschlag und keine Schneedecke, der Boden im Steingarten war sicher mindestens einen halben Meter tief gefroren. In ausgesprochen schattigen Lagen soll der Bodenfrost bis 1m tief gereicht haben, wie ich von Kanalbauarbeitern in Erfahrung bringen konnte.
Wenn Pyramica diesen Winter scheinbar gut überlebt hat, muß man davon ausgehen, dass auch andere subtrop./tropische Insekten sozusagen ohne "Frosterfahrung" mehr Kälte (und Winterpausen) aushalten, als wir glauben.
Verwandte von Pyramica dringen übrigens derzeit weiter in Nordamerika vor, ebenfalls in winterkalte Gebiete.
Gruß Boro

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#31

Beitrag von Boro » 21. Oktober 2006, 21:22

Bei der Durchsicht meiner Dateien habe ich noch ein recht gutes Bild eines Männchens von Pyramica argiolus gefunden. Die Tiere sind ja nur 2-3mm groß und ständig in Bewegung!
Das Männchen läuft hier einen Grashalm hinauf und schlägt - entsprechend dem Balzritual - ständig mit den Flügeln.
Gruß Boro


Bild

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#32 AW: Unbekannte Ameise

Beitrag von Boro » 14. August 2007, 21:51

Pyramica (Epitritus) argiolus?
Die "unbekannte Ameise" vom vorigen Jahr ist wieder aufgetaucht!
Erste Sichtung am 7.8., fast 14 Tage früher als 2006. Die Tiere sind so winzig, dass man sie eigentlich kaum sehen kann. Ich habe mit einem Stechzirkel (nein, die Ameisen wurden nicht gestochen!!) eine ungefähre Längenmessung vorgenommen: 2mm, wobei Männchen und Weibchen fast gleich groß sind.
Ich habe ein paar Männchen eingefangen und an Prof. Buschinger zur Bestimmung geschickt. Das war unerwartet schwierig, denn im Gegensatz zu den Weibchen sind sie geschickte Flieger und können es (kurzfristig) ohne weiteres mit Dauerfliegern der gleichen Größe aufnehmen. Noch dazu sieht man sie beim Fliegen kaum!
Arbeiterinnen habe ich trotz "Bewaffnung" mit einer Lupe noch nie gesehen. Möglicherweise sind die nur 1mm groß und nachtaktiv! Außerdem sind sie keine aktiven Jäger im eigentlichen Sinn, sondern lauern am Boden, wobei sie sich noch zusätzlich mit selbst übergeworfenem Sand tarnen.
Protokoll der bisherigen Sichtungen:
7. 8. 17 Uhr: Balzspiele auf einem Stein, 24°, 45% LF, Gewitterstimmung(st.bew.)
18 Uhr: dass. 23,5°, 49% LF, Tröpfeln
19 Uhr: Ende der Zeremonie 23° 61% LF
8.8. 16 Uhr: Männchen versammeln sich, 23°, 57% LF, Ostwind 10-20 kmh (wolkig)
17 Uhr: Balzspiele, Weibchen erscheinen. 24°, 56% LF, Westw. 15kmh
18 Uhr: Entnahme einiger Geschlechtstiere (leider nur Männchen gefangen). Abruptes Ende der Zeremonie
Es folgen einige Bilder. Das Fotografieren war schwierig, weil ich wegen der winzigen Tiere stark vergrößern musste und über keine Profi-Ausrüstung verfüge!
Bild 1. (Königin oben, Männchen)
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Bild 2. 2 Männchen stürzen sich auf ein Weibchen
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Bild 3. Balzendes (mit den Flügeln schlagendes) Männschen.
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Bild 4. Anderer Blickwinkel eines Männchens
Bild
Gruß Boro

Siehe auch hier:www.ameisenschutzwarte.de :: Thema anzeigen - Weitere eingeschleppte Ameisenart?

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